Ein Plädoyer für den kleinen Hund

von Ralph Rückert, Tierarzt

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich mag große Hunde sehr; ich liebe das Gefühl, wenn ein großer Hund sich vertrauensvoll an mein Bein lehnt oder seinen Kopf in meine Hand schiebt. Fast zwanzig Jahre lang hatten wir nur große Hunde. Als aber Nandi, unser Rhodesian Ridgeback, im September 2010 starb, haben wir uns bewusst für einen kleinen Hund entschieden. Viele von Ihnen kennen Nogger, unseren Patterdale Terrier, aus der Praxis oder von Facebook und YouTube. Anfangs war der Umstieg auf einen kleinen Hund eigentlich ein Kompromiss, um überhaupt noch einen Hund halten zu können. Unsere Tochter Shenja, die früher für das Hundesitting zuständig war, studiert inzwischen in Wien, und einen großen Hund kann man nun mal nicht überall hin mitnehmen. Inzwischen sind wir aber mit unserer Entscheidung überglücklich. Seit unserem ersten Hund, Rauhaardackel Watzmann, hatten wir ganz vergessen, wie einfach das Leben mit einem halben Zwerg doch sein kann.

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Beginnen wir mit den alltäglichen Annehmlichkeiten: So einen kleinen Kerl kann man eben einfach mal schnell unter den Arm klemmen, wenn sonst gar nichts mehr geht. Ärger mit Mensch und Tier ist so schnell und einfach aus dem Weg gegangen. Im Kaufhaus muss man nicht mehr nach dem grundsätzlich in der letzten Ecke befindlichen Aufzug suchen, man kann wieder die Rolltreppe nehmen. Auch Bein- und Pfotenverletzungen während einer Wanderung oder eines Spaziergangs verlieren ihre Schrecken; einen Hund mit weniger als 10 kg Körpergewicht kann man immer irgendwie zum Auto tragen. Apropos Auto: Mit einem kleinen Hund, der in den Fußraum oder eine Tasche passt, braucht man keinen Kombi mehr, man kann, so man denn will, zur Abwechslung auch mal eine Limousine, einen Kleinwagen oder gar ein Cabrio fahren. Geht man auf Reisen, stößt man in Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants mit einem kleinen Hund nur selten auf Ablehnung; er passt auch in den kleinsten Wohnwagen und das engste Zelt. Sehr kleine Hunde unter 6 kg Gewicht können oft sogar als Handgepäck ins Flugzeug. Zu guter Letzt: Ein kleiner Hund bedeutet natürlich auch drastisch reduzierte Haltungskosten. Dies macht sich vor allem beim Futterkauf und beim Tierarzt bemerkbar, da natürlich alle Medikamente nach Gewicht berechnet werden.

In meinen Augen wichtiger ist aber Folgendes: Unsere Gesellschaft und damit auch die Einstellung zu Hunden haben sich in den letzten 20 Jahren verändert, und das aus Sicht des Hundehalters nicht zum Positiven. Als wir 1989 nach Söflingen kamen, hat sich unser Watzmann gern mal aus der Praxis verabschiedet und ist alleine spazieren gegangen. Auch Basco, der riesige Hund des Blumenhändlers, konnte jeden Morgen seine den Metzgerladen einschließende Runde machen, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Der Umgang mit Hunden war insgesamt eher von Gelassenheit und Toleranz geprägt. Inzwischen herrscht Leinenpflicht im Stadtgebiet Ulm und wehe dem Besitzer, dessen Hund auch nur einen Fehler macht, sei es, dass er einen Menschen bloß anknurrt, sei es, dass er in eine Beisserei verwickelt wird oder spaßeshalber auf dem Feld einem Hasen nachsetzt; schon am nächsten Tag kann das Ordnungsamt vor der Tür stehen, um die Hundehaltung zu überprüfen. Immer öfter begegnet man Menschen, die nicht nur nicht das Geringste unternehmen, um ihre Hundephobie zu bekämpfen, sondern sie hemmungslos ausleben oder gar an ihre Kinder weitergeben. Jeder von uns hat ja schon den wilden Schrei gehört: „Leinen Sie sofort Ihren Hund (gern auch: Köter) an!“. Eigentlich hasse ich den Gedanken, diesen Tendenzen in irgendeiner Form Rechnung zu tragen. Trotzdem muss ich zugeben, dass das Leben mit einem großen Hund wie Nandi in den letzten Jahren irgendwie immer stressiger geworden ist, dass ein Teil der Freude verloren gegangen ist. Kein Spaziergang ohne Anspannung, immer vorausschauend, dass sich nur ja niemand belästigt oder gar bedroht fühlt. Diese verloren geglaubte Freude ist mit Nogger zumindest teilweise zurückgekehrt. Als Terrier ist er eigentlich kein Kind von Traurigkeit, immer ein wenig zu bereit, sich auf einen Streit einzulassen. Auch mag er nicht alle Menschen und knurrt durchaus mal jemand an, der ihm zu sehr auf den Pelz rückt. Trotzdem ist alles viel entspannter. Jemand, der vor einem so kleinen Hund Angst zeigt, muss damit rechnen, sich lächerlich zu machen. Den oben erwähnten Brüller bekomme ich kaum noch zu hören. Bei Kontakten zu anderen Hunden wird Noggers gelegentliche Streitlust eher belustigt als beunruhigt wahrgenommen. Beunruhigt bin in diesen Fällen höchstens ich, weil er ja meist der körperlich Unterlegene ist.

Und wenn wir mal alle irrationalen Ängste der Hundephobiker und Hundehasser beiseite lassen, so müssen wir akzeptieren, dass von jedem Hund eine gewisse Gefahr ausgeht. Auch der bestens erzogene Hund kann in einem Moment der Unachtsamkeit auf eine Straße laufen und einen Unfall verursachen. Es muss auch keine böse Absicht sein, dass ein Radfahrer, ein Kind oder ein älterer Mensch durch einen Hund zu Fall gebracht wird. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der Löwenanteil an Bissverletzungen im familiären Umfeld stattfindet und meist Kinder die Opfer sind. Alle diese Gefahren sind aber proportional zur Körpergröße des Hundes. Ein kleiner Hund ist in jeder Beziehung ungefährlicher als ein großer. Zusammenfassend rate ich also jedem, der die Anschaffung eines großen Hundes plant, zu der Überlegung, ob er mit einer oder zwei Größen kleiner nicht auch glücklich werden kann. Man erspart sich mehr an Stress und Ärger als der Unerfahrene sich vorstellen kann. Wer dann immer noch sagt: Ich will aber einen richtigen Hund und keine verkleidete Katze, der soll ruhig bei seinem Vorhaben bleiben. Ich wäre ja auch traurig, wenn ich in der Praxis gar keine großen Hunde mehr sehen würde.

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm www.tierarzt-rueckert.de/blog